Deutsch - Griechische Gesellschaft Berlin e.V.

 

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Bernd Sösemann

Mit Homer im Tornister...
Eine historischen Episode und ihre langen Folgen

Im kommenden Quartal wird unsere Gesellschaft auch die neue große Ausstellung im Gropius-Bau besuchen. Sie steht unter dem Thema "Die griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit" und beschäftigt sich mit den Grundlagen und Ursprüngen, den historischen Ausprägungen und den Wirkungen des "griechischen Erbes" über die Jahrhunderte hinweg. In den ersten Jahren eines intensiver verlaufenden europäischen Einigungsprozesses scheint es mir in einem stärkeren Umfang als bisher in der Öffentlichkeit geschehen, nötig zu sein, sich mit den Fragen zu beschäftigen, woher wir kommen, wohin wir gehen wollen und welche gemeinsamen Wurzeln es für das angestrebte Europa gibt.

Wir wollen uns einen eigenen Eindruck von dem in der Presse nicht unumstrittenen ehrgeizigen Vorhaben verschaffen. Der "Tagesspiegel" begleitet die Ausstellung mit einer umfangreichen von Rolf Brockschmidt verantworteten Beilage ( mit einem einführenden Beitrag von Wolf-Dieter Heilmeyer, Geschenk der Götter, 1. März ), in der er die entscheidenden Fragen stellt: "Hat die griechische Klassik uns heute eigentlich noch etwas zu bieten? Was hat unser Leben mit jenen Vorgängen in Athen vor 2500 Jahren zu tun? Wie lebte man in jener Zeit?" In der "Zeit" fand sich am 7. März eine zwischen überzogener Polemik und gut begründeter Kritik schwankende Einschätzung unter dem Titel "Adler mit Ventilator" von Jens Jessen, zu dessen Hauptvorwürfen gehört, die Verantwortlichen hätten die große Chance nicht genutzt, mit ihren Schätzen und ihren Leistungen dem Laien einen Zugang zu bieten. Der Fachmann komme auf seine Kosten; alle anderen speise man mit arroganter Attitüde ab ("Komm nur, blöder Zeitgenosse, und gucke; auch wenn du vom Griechischen noch eine Ahnung hast, wird es dir nichts nützen"). Die "Griechische Kulturstiftung" (Berlin) hat unter ihrem Leiter Eleftherois Ikonomou ein beeindruckendes Rahmenprogramm "Klassik heute" erarbeitet und in einem übersichtlichen Katalog vorgestellt. Es wird in den Monaten März bis Juni angeboten und präsentiert auf den Ebenen Theater, Ausstellungen, Musik, Filme und Vorträge ein thematisch breites und auf unterschiedliche Interessen zielendes Potpourri.

Für die erwähnte Beilage des "Tagesspiegels" habe ich unter einem besonderen Gesichtspunkt einen Artikel zum Philhellenismus im Anfang des 19. Jahrhunderts verfaßt. Er behandelt das Engagement der "Griechenfreunde" in Europa und Deutschland und konzentriert sich dabei auf Berlin. Den Ausgangspunkt bildeten Johann Joachim Winckelmann und der Erfolg seiner 1755 verfaßten "Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst". Im nachfolgenden Jahr erschienen sie bereits in einer zweiten Auflage im Verlag der Waltherischen Buchhandlung in Dresden. Winckelmann hob u.a. hervor: Durch die Nachahmung des Alten, also der antiken Werke, lasse sich Großes erreichen. Vorrangig könne der Sinn für das Schöne, das Einfache, geweckt werden, denn die griechischen Meisterwerke zeichne "edle Einfalt und stille Größe" aus und ihnen allein gebühre deshalb der höchste Rang. Athen galt fortan als Vorbild in der Philosophie, Literatur und Architektur. Die Gebildeten drängte es nach unmittelbarer Anschauung und somit zur Reise nach Griechenland. Doch einen Staat dieses Namens gab es nicht mehr, denn die Griechen lebten schon jahrhundertelang im Osmanischen Reich und damit unter türkischer Herrschaft. Nachdem sich Anfang des 19. Jahrhunderts griechische Patrioten mit dem Ziel zusammengeschlossen hatten, einen eigenen freien und möglichst selbständigen Staat errichten zu wollen, mündeten ihre Vorbereitungen 1821 in einen auf der Peloponnes begonnenen Befreiungskrieg. Fast spontan eilten auf die ersten Nachrichten hin aus ganz Europa über tausend Freiwillige den Griechen zur Hilfe. Broschüren, Schauspiele, Flugblätter und die "Hellas"-Lieder des Dessauer Philologen Wilhelm Müller - des "Griechen-Müller" - popularisierten und heroisierten die Griechen. Neben Literaten und Journalisten engagierten sich Politiker, Lehrer und Pfarrer, Studenten und Bankiers, Handwerker und sogar Dienstboten in "Haus-Collekten von die verunglückte in Kriechenland", wie es auf einer Liste in ungelenken Schriftzügen steht. Sachspenden wie Verbandsstoffe und Kleidung sowie über 2,5 Millionen Franc kamen europaweit zusammen. Die größte Teilsumme stammte übrigens aus Preußen bzw. Berlin - und es war ein offenes Geheimnis, daß die größten der anonymen Geldspenden von mehreren Tausend Talern aus Hofkreisen stammten.

In der bunten Schar von Idealisten, Abenteurern, Soldaten und politisch Verfolgten aus England, Frankreich, Deutschland, Polen und der Schweiz befanden sich auch Berliner. Entweder waren es junge Männer, die nach den Freiheits- und Befreiungskriegen gegen Napoleon nicht oder nur schwer ins alltägliche Leben zurückgefunden hatten, oder Griechen-Freunde, deren Begeisterung in der Schule oder in der Universität geweckt worden war. Ein Eklat, der Aufruf eines hochangesehenen Mannes in einer der Berliner Tageszeitungen, hatte die "Spree-Athener" aufgerüttelt. Sein Verfasser war das Mitglied des preußischen Staatsrates, der Königliche Leibarzt, der durch seinen Einsatz für Pockenschutzimpfungen berühmt gewordene Direktor der Charité, Christoph Wilhelm Hufeland: "Das Schicksal des unglücklichen griechischen Volkes muß jedem fühlenden Menschen das Herz zerreißen", hatte er dort erklärt. "Die Opfer des Krieges und der barbarischen Grausamkeit mehren sich jetzt auf eine furchtbare Weise, und tausende unschuldiger Weiber und Kinder, dem Hunger und allem Elend preisgegeben, strecken ihre Hände nach Hülfe aus." Das Echo seines Appells an die christliche Nächstenliebe und Humanität druckten nahezu sämtliche Zeitungen im Land nach. In den Cafés, Lesestuben und Salons in der Stadt gab es für lange Zeit nur ein Hauptthema, wie kann den Griechen geholfen und wie läßt sich die Verbundenheit audrücken. Diese Stimmung führte zu "unglaublich kühnen Stell[ungnahm]en gegen die Regierungen", wie Zeitgenossen uns berichten. Sängerinnen wie Henriette Sontag von Lauenstein rührten das Herz der Bürger in den Salons mit neugriechischen Liedern. Dichterin wie Amalie von Helvig, eine Nichte der Frau von Stein, lasen Verse wie: "Hellas - Beistand brauchst du heute, / Blutend, wie des Tigers Beute, / Rufst umsonst nach Hilfe du! (...) Hätt' ich Schätze, Wehr und Waffen,/ Wollt' ich Hellas Kämpfer schaffen,/ Ihre Kinder kauft' ich frei."

Der österreichische Staatskanzler Metternich empörte sich über die leichtfertige Unterstützung von Aufständischen. Das preußische Staatsministerium stimmte ihm zu, weil es "eine leidenschaftliche parteisüchtige Aufregung der Gemüter" befürchtete. Doch der König und der Berliner Magistrat ließen zur Beruhigung verlauten, die "milden Beiträge" würden nicht für Waffenkäufe verwendet, es handle sich vielmehr ausschließlich um die Hilfe für ein großartiges Volk. Hufeland hatte mit seinem Aufruf in erster Linie zwar humanitäre Absichten verfolgt, doch überrascht es nicht, daß seine Worte auch politisch verstanden wurden. Das Freiheitsstreben und der Nationalismus der Griechen beflügelte seit langem die Phantasie aller Oppositionellen in Europa und besonders in Deutschland. Auf dem Wiener Kongreß (1814/15) war ihr Patriotismus enttäuscht, das ersehnte Deutsche Reich nicht gegründet worden. Nun zeigte sich im Engagement für die Griechen der eigene politische Freiheits- und Einheitswille. Die Begeisterung reichte bis in die unteren Volksschichten, regte alle Bevölkerungsschichten zu Spenden oder Hilfsaktionen an und ließ Freiwillige aus Berlin nach Griechenland eilen.

Von den meisten kennen wir nicht einmal den Namen, einige haben jedoch Spuren hinterlassen, und ein paar sind berühmt geworden. Sie haben Berichte, Tagebücher und Erinnerungen geschrieben. Zumeist kehrten sie ernüchtert vom Alltag aus Griechenland zurück. Sie hatten die Nachkommen der alten Griechen mit den Augen Winckelmanns gesucht und waren dabei höchst selten auf die Verkörperung ihrer Ideale gestoßen, auf Bildung und Kultur oder Kunstsinn und Altruismus. Ihnen begegneten nur allzu häufig Unverständnis und Mißtrauen von Unwissenden und Ungebildeten, ja sie mußten sogar häufiger unter Feigheit und Schurkereien leiden. Der größere Teil der Bevölkerung staunte über den Idealismus der jungen weitgereisten Phantasten; schlimmstenfalls raubte man die armen Enttäuschten aus. Der gelernte Berliner Apotheker Karl Emil Rosenstiel, ein Sohn des Präsidenten der Königlichen Porzellanmanufaktur, veröffentlichte 1824 diese und ähnliche Erfahrungen als Leutnant ungeschönt im "Tagebuch eines Griechenfreundes". Der Leutnant Hans von Jago schrieb Ähnliches in der "Haude- und Spenersche Zeitung". Doch das Publikums ließ sich damals in seinen idealen Ansichten von Griechenland und den Griechen wenig beirren und ignorierte derartige Kritiken weitgehend.

Eine Karriere machte der Freiwillige Friedrich Eduard von Rheineck. 1796 in Potsdam geboren, hatte er als Reiteroffizier an den Freiheitskriegen gegen Napoleon teilgenommen. Er brachte 1823 Unterstützungsgelder nach Korinth, zeichnete sich in mehreren Kämpfen aus und wurde nach der Verteidigung von Messolongi berühmt. Die dankbaren Griechen trugen ihm ihre Staatsbürgerschaft an, beförderten ihn zum Oberst, ernannten ihn zum Gouverneur auf Kreta und schließlich sogar zum Vorsitzenden ihres Militär-Appellationsgerichtshofs. Doch der weitaus berühmteste aller Berliner Freiwilligen sollte Franz Lieber (1798-1872) werden, ein Schüler des "Grauen Klosters", der bereits nach viermonatigem Studium von der Universität Jena promoviert worden war. Mit den freiwilligen Jägern hatte er ebenfalls gegen Napoleon gekämpft. Als Anhänger des "Turnvater Jahns" des Demokratentums verdächtigt und verhaftet, ging er nach seiner Entlassung nach Griechenland. Sein skeptisches literarisches Resumee gipfelte in dem Satz, "daß keine noch so wichtig ausgeklingelten (positiven) Zeitungsnachrichten, wenn auch einzelne Thatsachen wahr seyn mögen, eine ernste Probe aushalten". Schließlich emigrierte er in die USA, arbeitete dort wissenschaftlich, publizierte eine dreizehnbändige "Encyclopaedia Americana" und erhielt Universitätsprofessuren für Geschichte und Staatswissenschaften. Heute gilt er als der Begründer der Politischen Wissenschaften in den USA.

Die nach langen Kämpfen den Griechen von den Großmächten zugestandene Unabhängigkeit führte 1832 zur Königskrönung von Otto, dem jungen zweiten Sohn Ludwigs I. von Bayern. In Berlin blieb Hufelands Unterstützungsverein bestehen. Seine nachhaltigste Wirksamkeit sollte er mit dem 1829 verkündeten Vorschlag erzielen, mit einer Berliner Stiftung griechische Studenten zu unterstützen. Ein Jahr später begann die Erfolgsserie der Griechen-Stipendien für die Friedrich Wilhelms Universität. Erst in der Inflationszeit nach dem Kriegsschluß von 1918 entschwanden mit dem Kapital auch die Studierenden. Doch philhellenische Traditionen pflegten in Berlin inzwischen längst weitere Vereine, universitäre Zirkel und Gesellschaften. Sie taten es zwar nicht mehr vorrangig in geistiger Nachfolge Winckelmanns, aber dennoch im Bestreben, ein "Erbe Europas" zu pflegen, dessen Geschichte von jeder Generation erneut erfahren und erzählt werden solle.

 

erschienen in Athene, Heft 1 (2002), als "Beilage".


 

 

   
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